D: Im Durchschnitt alle 15 Jahre eine neue Währung seit 90 Jahren

Immobilien sind keine Rettung beim Währungscrash

Wer glaubt, mit einer Immobilie sein Vermögen auf der sicheren Seite zu haben, der irrt. Der Staat hat viel Erfahrung darin, Hausbesitzer zu schröpfen.

Schon mal daran gedacht, der Euro-Krise durch Immobilienkauf zu entkommen, finanziert durch ein sehr zinsgünstiges Darlehen?

Foto: PA/ZB Deutsche setzen zur Sicherung ihrer Vermögen gern auf Immobilien. Die Geschichte lehrt, dass diese Strategie nicht immer aufgeht. Vor allem nicht im Umfeld einer Währungsreform

Ein heute 90-jähriger Deutscher hat bisher mindestens sechs Währungen erlebt; wenn er im Westen gelebt hat gottlob „nur“ fünf. Das macht im Schnitt alle 15 Jahre eine neue Währung. Auch wenn die Wahrnehmung der jungen Generation eine andere ist, Währungen hierzulande kommen und gehen zu häufig. So muss man sich vom linearen Denken verabschieden, dass die Währung ein statischer Faktor unseres Lebens ist.

Vor nicht einmal 100 Jahren, im August 1914, also in den ersten Kriegstagen, wurde das erste monetäre Ermächtigungsgesetz verabschiedet: das Deutsche Reich erhielt direkt Zugang zum Notenbankkredit und die Unterlegung der Banknoten durch Gold wurde gesetzlich untersagt. Die dadurch verbundene Geldschöpfung führte aber erst sieben Jahre später und lange nach Kriegsende ab 1921 zur galoppierenden Hyperinflation.

Im November 1923, also nur wenige Tage nach dem „Hitler-Putsch“ in München, wurde von Reichsmark auf Rentenmark umgestellt. Die Staatsschuld des Deutschen Reiches verminderte sich so von 164 Milliarden Mark auf sage und schreibe 16 Pfennige (die „Schuldenbremse“ der Weimarer Republik).

Das zweite monetäre Ermächtigungsgesetz kam 1933, als die Deutsche Reichsbank den „Weisungen und der Aufsicht des Führers und Reichskanzlers“ unterstellt wurde. Die Finanzierung des Zweiten Weltkrieges erfolgte so geräuschlos, dass selbst 1948, drei Jahre nach dem Krieg, die Deutschen mehrheitlich an den Fortbestand der Reichsmark glaubten.

Allerdings hat ein nicht unbedeutender Teil der Deutschen, damals wie heute, das geldpolitische Unheil geahnt und dem System nicht mehr vertraut. Was war im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Alternative, sein Vermögen gegen Währungsverlust oder Inflation abzusichern? Wie heute auch begannen viele Bürger, sich zu verschulden und ihr Vermögen gehebelt in Immobilien zu investieren. Diese vermeintliche Absicherung hat der deutsche Staat immer zum eigenen Vorteil zu nutzen gewusst, konsequenterweise immer nach dem Zerfall des alten Systems zur Finanzierung des neuen.

Mit dem „Reichsnotopfer“ wurden Vermögen um 65 Prozent reduziert

Durch die Finanzreformen von Matthias Erzberger 1919-20 wurde der Spitzensatz auf die Einkommensteuer von vier Prozent (Vorkriegs-Preußen) auf 60 Prozent drastisch erhöht und ein „Reichsnotopfer“ eingeführt, das die Enteignung der deutschen Vermögen um 65 Prozent vorsah. Zusätzlich gab es von 1924 bis 1942 auf Länderebene eine „Hauszinssteuer“, um Vermögensgewinne durch Währungsreform und Hyperinflation abzuschöpfen. Sie galt für alle Immobilienkäufe vor Juli 1918.

Auch die Währungsreform im Juni 1948 führte schließlich zum Erfolg. Die alte Reichsmark konnte im Verhältnis 10:1 in die D-Mark umgetauscht werden. Sie war bereits 1947 in den USA gedruckt worden (den griechischen Lesern wird an dieser Stelle ein mulmiges Gefühl ereilen). Schulden von Reich, Post und Bahn wurden komplett gestrichen, Banken erhielten Ausgleichsforderungen.

Bei der D-Mark-Einführung kassierte das Finanzamt ab

Die westdeutsche Währungsreform von 1948 sah auch eine 50-prozentige Vermögensabgabe im Rahmen des Lastenausgleichgesetztes vor. Entscheidend aber war, dass Hypotheken zwangsweise 1:1 umgestellt wurden, wobei nur zehn Prozent dem Alt-Gläubiger zu zahlen waren, aber 90 Prozent dem bundesrepublikanischen Finanzamt. Jeder, der also versuchte, durch Immobilieneigentum sich aus dem absehbaren Finanzkollaps des Zweiten Weltkrieges zu entziehen, wurde ab 1948 die wahre Rechnung präsentiert – er musste einen 90-prozentigen Wertverlust hinnehmen und damit Westdeutschland finanzieren.

Da passt es auch ins Bild, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble erst im Dezember 2011 Levin Holle als Abteilungsleiter „Finanzmarktpolitik“ eingestellt hat. Der ehemalige Senior Partner der „Boston Consulting Group“ in Berlin hat noch letzten September vorschlagen lassen, deutsche Sparvermögen durch eine Einmal-Steuer so zu belasten, dass dem Bund sechs Billionen Euro zufließen.

So wie bereits zweimal im letzten Jahrhundert sind heute der EFSF und der kommende ESM der dritte Versuch des deutschen Staates, Staatsschulden zu monetisieren. Wer also heute bei knapp einer Billion Euro an deutschen Bürgschaften, Garantien, Kapitaleinschüssen daran denkt, durch fremdfinanzierten Immobilienkauf sein Vermögen abzusichern, der sollte daran danken, dass der deutsche Staat ein langes Gedächtnis und erheblich mehr Erfahrung hat, Vermögensgewinne durch Währungsumstellung im nächsten System zum eigenen Vorteil systematisch abzuschöpfen.

Der Autor ist Finanz-Stratege und Partner bei EPM Group Berlin.

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Kommentare:
Querdenker aus München
vor 2 Tag
Immobilie kaufen und bar bezahlen.
So macht man (n) in München das.

Martin
vor 2 Tag Antwort auf Querdenker aus München
Überteuerte Immobilien bei momentanen Höchstpreisen zu kaufen ist sicher die beste Strategie..

Weihnachtshase
vor 1 Tag Antwort auf Martin
Wer sind eigentlich die Preistreiber? War da nicht irgendwann mal eine Immobilienkrise in den USA bei der die Banken gerettet werden mußten?

Eine deutschlandweite Maklerkette, Tochterunternehmen einer großen deutschen Bank, die ebenfalls mit Steuergeldern gerettet werden mußte, ist sehr aktiv im Verkauf von überteuerten Schrottimmobilien.

Das sind zum Beispiel „ständig modernisierte“ Reihenhäuser aus den fünfziger und sechziger Jahren. Diese sogenannten Modernisierungen oder sollte ich besser Bastelarbeiten sagen, können Sie dann in Besichtigungen bestaunen.

Auf Nachfragen hinsichtlich des diesbezüglich unverständlichen Preises wird auf die momentane „Marktlage“ verwiesen und auf die Möglichkeit einer „günstigen“ Finanzierung bei der Hausbank (Wer das wohl ist?) hingewiesen.

tk7936
vor 1 Tag Antwort auf Weihnachtshase
Mir ist aufgefallen das REMAX hier in der Gegend defakto ALLES aufkauft was der Markt zu bieten hat und dann nach Aufschlag von 10 % wieder verkauft. So werden internationale Immobilienfonds subventioniert die momentan massenhaft Geld nach Deutschland pumpen.

HB
vor 2 Tag Antwort auf Querdenker aus München
So denke auch ich. Und wer nun glaubt sich ein “Eigenheim” auf Punp zu kaufen, der wird eine boese Ueberraschung erleben, denn das Eigenheim ist und bleibt stets das Eigentum der Bank, bis der letzte Pfennig der Hypothek bezahlt ist. Nach einem Finanzcrash darf man froh sein, wenn man seine “eigene Huette”  von der Bank, zu deren Bedingungen natuerlich, zurueckkaufen darf.

Soistdasnicht
vor 2 Tag Antwort auf HB
Das ist falsch.
Der Besitzer ist auch Eigentümer.
Die Bank hat „nur“ eine eingetragene Grundschuld.
Deshalb bekommt die Bank das Haus auch nicht einfach, wenn der Schuldner nicht mehr zahlen kann. Die Bank kann das Haus auf der Zwangsversteigerung kaufen.

HB
vor 2 Tag Antwort auf Soistdasnicht
Und es ist die Bank, die sich auf eine Versteigerung einlaesst oder nicht. Schliesslich wollen die ihr Investment schuetzen. Eine Versteigerung findet nur dann statt, wenn der Eigentuemer (die Bank) keine anderen Moeglichkeiten mehr sieht, um an ihr Kapital zu gelangen. Ich kann es mir kaum vorstellen, dass eine Bank sich nicht abgesichert hat. Das sind die ersten, die das Leid anderer zu ihrem Vorteil ausnutzen. Natuerlich koennte man dagegen ansticken, aber wir haben es in solchen Faellen mit Mittellosen Kunden zu tun.

Traurigaberwahr
vor 2 Tag Antwort auf HB
Deswegen dese Leute Pleite gehen lassen ,auch wenn sie „Deutsche bank “ heissen -und ihnen nicht noch mehr Geld für die „Griechenland-Rettung“ geben.
Das geld für diese sogenannte Rettung geht sofort an Banken für offene Zinsen-nicht an griechen oder italiener…

G.Spinst
vor 2 Tag Antwort auf Soistdasnicht
träumer…

Wirtschaftsweiser
vor 2 Tag Antwort auf Soistdasnicht
Das ist nicht ganz korrekt. Die Grundschuld besteht auch noch, wenn der Schuldner das Darlehen zurückgezahlt hat. Solange, bis die Grundschuld aus dem Grundbuch ausgetragen ist. Kann der Gläubiger aber die raten nicht mehr zahlen ist das bis dahin zurückgezahlte Geld und das Haus weg.
Die Bank verkauft das Haus auf einer Zwangsversteigerung und erhält das erzielte Geld.

Gast 0815
vor 1 Tag Antwort auf Wirtschaftsweiser
so ist es! Was ist moralischer eine Bank zu eröffnen oder eine Bank auszurauben?
2

nur ich
vor 2 Tagen Antwort auf Soistdasnicht
Schauen Sie sich mal die ARD-Doku „und plötzlich ist das Haus weg “ an! Über Google leicht zu finden und es wird Sie sicher eines Besseren belehren.

Ein Haus kann man schneller unterm Hintern weggezogen bekommen, als man schauen kann. Die Banken haben ihre Mittel und Wege – der Dumme ist stets der Hypothekennehmer.
30

Gast 0815
vor 1 Tag Antwort auf Soistdasnicht
Es ist aber so das Sie das Haus loswerden. Ob die Bank es nun auf der Versteigerung bekommt oder ein Anderer, Effekt ist aber Sie sind das Haus los und haben meistens noch Schulden.
6

Gast-123
vor 2 Tagen Antwort auf HB
Das stimmt. In Spanien ist das so, dass die Immobilie der Bank gehört, bis der letzte Cent der Grundschuld bezahlt ist. Da können Sie hundertmal Eigentümer sein und nur zu 10 Prozent beliehen haben. Die Bank kann trotzdem zwangsversteigern und/oder Sie zum Auszug aus der Immobilie nötigen.
Das ist nur ein Beispiel, womit sich die EU-Beamten beschäftigen könnten, zumal es auch viele Deutsche treffen würde.
20

Schutzengel-muc
vor 2 Tagen Antwort auf HB
… und wie ist dies bei Hr. Wulff?
… ist dessen Haus schon bezahlt, oder zahlt Hr. Wulff noch an den Kredit?

Herzliche Grüße
aus München

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Das aufsässige Schaf
vor 1 Tag Antwort auf Schutzengel-muc
Aber liebster Schutzengel-muc, Sie werden sich doch wohl nicht an einem Wulff orientieren wollen?

lanzas
vor 1 Tag Antwort auf HB
Wer hat diesen Artikel in Auftrag gegeben?
Immobilien bilden immer eine Sicherheit; natürlich spielen auch die Konditionen eine Rolle.
Meine
spanische Schwägerin kaufte 1986 in Spanien ihre 80 qm grosse Wohnung
und bezahlte als Hypothek die Summe, welche ich als Miete in Berlin für
eine 55qm grosse Wohnung zahlte. Nach 20 Jahren besass ich nichts, als
ich auszog. Meine Schwägerin besass nach 20 Jahren 80.000,00 Euro für
den Kauf einer kleineren Wohnung. Das war eine andere Zeit der Krise!

Axelputra
vor 1 Tag Antwort auf lanzas
da wär ich doch glatt nach Spanien gezogen! und bezahlte eine Hypothek, ich dachte man nimmt eine H auf und zahlt sie ab und bei uns, 1978 kauften wir ein Grundstück für 18 DM/m2, heute kostet der m2 c 150€ und nu!?

Torsten
vor 2 Tagen Antwort auf Querdenker aus München
Hat man damals in Breslau auch gemacht.

MK
vor 2 Tagen Antwort auf Querdenker aus München
Erst kaufen wenn der Immo Markt kollabiert ist. Vorher den Zyklus in Gold und Silber reiten.

.

Klaus G.
vor 3 Tag
Genau, da zahlt man 20 Jahre an seiner Hütte ab und danach latzt man nochmals 90% an den Staat…. Neee, is klar…

Abc
vor 2 Tag Antwort auf Klaus G.
Na klar ist das klar. Der Staat ist nun mal der größte Verbrecher und sitzt am längeren Hebel. Nur dieses mal läuft die Sache nicht so glatt wie 1948, jetzt knallts wenn sie denken die können uns schröpfen.
Wenn ich durch sowas meine Bude loswerden sollte weil ich die Zwangshypothek nicht mehr bezahlen kann nehme ich von diesen Nimmersatten welche mit, das ist ein Versprechen.

Vogel
vor 2 Tag Antwort auf Abc
Bevor ich meine Hütte dem Staat geben muss, zünd‘ ich sie lieber an.

Kit Holz
vor 2 Tag Antwort auf Vogel
Genau!

Jaan Brandenburg
vor 2 Tag Antwort auf Vogel
Leider brennt die eingetragene Grundschuld nicht mit.

Graf Igzorn
vor 2 Tag Antwort auf Abc
Kooperation, insbesondere Bürgerwehren, werden in so einer Situation den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Wenn mir jemand unverschuldet an Haus und Hof geht, werde ich ähnlich verfahren…

Kit Holz
vor 2 Tag Antwort auf Graf Igzorn
So soll es sein!

Kit Holz
vor 2 Tag Antwort auf Abc
Wir wärs mit abwählen? Angst vor der Uebernahme von Verantwortung?

Jaan Brandenburg
vor 2 Tag Antwort auf Abc
Das hört sich schön an und so denken sicherlich sehr viele Bürger, aber hast du einmal durchdacht, wie du dies anstellen willst?

Lmaa
vor 2 Tag Antwort auf Abc
wir alle (und unglücklicherweise auch Sie) sind der Staat…“ Sie Verbrecher, Sie“

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Neue US Steuerwalze ?

Regierungen und Banken sollen weltweit zu Handlangern der US-Steuerbehörde gemacht werden?

Die USA wollen ihr Steuernetz in einem bisher nicht gesehenen Ausmass ausweiten. Damit provozieren sie weltweit scharfe Proteste von Bürgern, Regierungen und Banken.

Die Pläne sind die bisher letzte, aber mit Abstand schärfste Folgewirkung des Steuerbetrugs der UBS. Die US-Regierung will ab diesem Jahr in mehreren Schritten ein dichtes Informationsnetz für Bankkunden aufziehen. Ähnlich wie dies bereits für die Schweiz gilt, sollen Regierungen und Banken weltweit zu Handlangern der US-Steuerbehörde gemacht werden. Ob die Proteste der Betroffenen fruchten, ist fraglich.

Die Tragweite des Foreign Account Tax Compliance Act (Fatca) haben jene mehrere Zehntausend Kunden von Schweizer Banken, die in irgendeiner Form eine Beziehung zu den USA haben, bereits schmerzhaft zu spüren bekommen. Die Banken lösten ihnen kurzerhand Depots und Konti auf, um den harschen amerikanischen Vorschriften zu entgehen. Was aber Amerikaner in der Schweiz und Schweizer in den USA an Schikanen und finanziellen Verlusten einstecken mussten, wird dem Rest der Welt erst langsam klar. Noch ist das in dieser Form einmalig weitreichende Gesetz nicht in allen Punkten geklärt. Sicher ist aber, dass es ab diesem Jahr in mehreren Etappen eingeführt wird und schliesslich zu einem globalen Informationsnetz über US-Steuerpflichtige führen soll.

Ausser Kontrolle geraten

«Der Kongress griff zum Vorschlaghammer, um die steuerflüchtigen Amerikaner zu treffen», sagt David Rosenbloom von der Kanzlei Caplin & Drysdale in Washington. «Die US-Kunden von Schweizer Banken ahnen bereits, wie weit die Vorschriften übers Ziel hinaus schiessen», erklärt der früher für das Finanzministerium der USA tätige Anwalt dem TA. «Doch die Banken, die Steuerzahler und die Regierungen im Rest der Welt realisieren erst jetzt, wie schwer auch sie betroffen sein werden.»

Das Gesetz fordert von sämtlichen Auslandbanken und -firmen, die US-Wertschriften in Kundendepots halten oder an denen Amerikaner (und Schweizer in den USA) beteiligt sind, sich ab 2012 bei der Steuerbehörde IRS registrieren zu lassen. Damit verbunden ist die Pflicht, über sämtliche Kontoinhaber Erkundigungen einzuziehen und sicherzustellen, dass sie ihre Finanzerträge der IRS deklarieren.

Kleinere Banken in den Konkurs

Weigert sich eine Bank, drohen harte Strafen. Sie muss unter anderem eine Rückhaltesteuer von 30 Prozent einziehen und der US-Steuerbehörde überweisen. Kleinere Banken könnten laut Experten gar in den Konkurs getrieben werden, sofern sie sich nicht dem Steuerdiktat unterziehen. In der Schweiz haben kurz vor Jahresende mehrere Banken noch einmal eine Runde mit Zwangskündigungen von Konti durchgeführt, um den US-Bestimmungen zu entgehen. Selbst Pensionskassenguthaben wurden gnadenlos aufgehoben. Auch deutsche und italienische Banken haben begonnen, sämtliche Dienstleistungen an US-Kunden einzustellen.

In den letzten Wochen und Monaten allerdings ist der Protest gegen das Ansinnen der USA, die Banken zu Spitzeln der IRS zu machen, stark gewachsen. Brasilianische Banken forderten vor Weihnachten rundweg, von der Regelung ausgenommen zu werden. Begründung: Brasilien habe höhere Einkommenssteuern, damit sei der Anreiz zur Steuerflucht aus den USA gering.

Missverhältnis Aufwand – Ertrag

Auch Japans Bankiervereinigung wies das Gesetz zurück, da der Vollzug «extrem mühsam» sei. Japanische Bankkunden halten meist mehrere Konti mit kleinen Beträgen, es wären somit rund 800 Millionen Konti zu prüfen – mit nicht absehbaren Kosten. Die Schweizerisch-Amerikanische Handelskammer geht von Fatca-Kosten von 100 Milliarden Dollar aus. Das Institute of International Bankers in New York bezifferte den Aufwand für den Vollzug der neuen Vorschriften auf mindestens 250 Millionen Dollar, und zwar für jede Grossbank.

Proteste hagelte es auch seitens der EU-Kommission und von Banken in Südostasien und Australien. Am lautesten war der Aufschrei in Kanada, das mit dem Bankensystem der USA eng verbunden ist. Für viele kleinere Finanzhäuser sei das Gesetz «der letzte Nagel im Sarg», befürchtet die kanadische Investment Industry Association. Was Finanzinstitute und Regierungen weltweit erbost, ist auch das Missverhältnis von Aufwand und Ertrag: Während die USA über zehn Jahre hinweg auf zusätzliche 8,7 Milliarden Dollar Steuern hoffen, müssen die Banken im Ausland ein Mehrfaches davon aufwenden, um diese Mittel beschaffen zu helfen.

Auch US-Banken unter Druck

IRS-Direktor Doug Shulman gibt sich in- des ungerührt. Der Kongress habe einen Auftrag erteilt; er werde ihn umsetzen, und zwar «mit unverminderter Härte». Der Steuerfeldzug habe nie nur einem Land (der Schweiz) und nie nur einer Bank (der UBS) gegolten, sagte er Mitte Dezember. Das Risiko, erwischt zu werden, «wird nur noch zunehmen». Er habe die weltweiten Proteste gehört und wolle den Bedenken punkto Übergriff auf ausländische Gesetze und bürokratischem Aufwand Rechnung tragen, so Shulman. Der Direktor der Steuerbehörde versprach, in Kürze präzisere Regeln vorzulegen, die «verantwortlichen Bürgern erlauben, einen gangbaren Weg durch die verwirrenden Probleme zu finden».

Dass die USA das Gesetz überarbeiten könnten, erscheint trotz dessen grober Mängel unwahrscheinlich. Die Grossbanken in den USA halten sich still, um nicht in den Verdacht der Beihilfe zur Steuerflucht zu geraten. Sie aber wären die Einzigen, die genug Druck machen und den Kongress umstimmen könnten. Zudem stecken sie in einem Dilemma, weil das Finanzministerium ihre Meldepflicht ausweiten will.

«Eine sehr, sehr üble Idee»

Es geht vor allem um Banken in Florida, Kalifornien und Texas, die hohe Auslandvermögen von Mexikanern und Südamerikanern verwalten. Sie hatten diese Mittel wegen der innenpolitischen Risiken in die USA verschoben und genossen bis anhin die Vorteile eines Sonderabkommens, das die erzielten Zinszahlungen nicht meldepflichtig machte. Dies wollen die USA nun ändern. Damit aber werde man zur Komplizin der IRS, so die Florida Bankers Association, und dies «ist eine sehr, sehr üble Idee».

«Alle schreien und poltern, aber die Steuerwalze aufzuhalten, ist im heutigen Umfeld unmöglich», so Rosenbloom. Hinzu kommt, dass internationale Anleger US-Staatsanleihen trotz der extrem tiefen Zinsen in rauen Mengen kaufen. Damit aber verliert der Einwand der Banken an Schärfe, das zunehmend aggressive Steuerregime könnte die US-Papiere weniger attraktiv machen. Der IRS kann das nur recht sein. (Tages-Anzeiger)

03.01.2012

[Artikel]

Zukunftsfähig sein, selber denken und mehr. Zehn Empfehlungen: Was Sie sofort tun können

Zukunftsfähig zu sein

bedeutet das Gegenteil von „business as usual“: 

lernend, fehlerfreundlich, reversibel zu handeln.

Was Sie sofort tun können.

Zehn Empfehlungen nach Harald Welzer

 <> 1. Selber Denken.

 <> 2. Trauen Sie endlich Ihrem Gefühl, dass um Sie herum ein grosses

Illusionstheater stattfindet. Die Kulissen simulieren Stabilität, aber das Stück

ist eine Farce: Immerfort treten dicke Männer auf und brüllen “Wachstum!“,

Spekulanten spielen Länderdomino, und dauernd tänzeln Nummerngirls mit

Katastrophenbildern über die Bühne. Das Publikum ist genervt und wütend,

bleibt gleichwohl bis zum Ende der Vorstellung sitzen. Aber: Wann wird

das wohl kommen?

<> 3. Verlassen Sie besser die Vorstellung und beginnen Sie, ganz einfache

Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Warum muss man immer mehr arbeiten,

wenn man immer mehr arbeitet? Warum werden die Schulden größer, wenn

immer mehr gespart wird? Warum schrumpft alles andere, wenn die

Wirtschaft wächst?

<> 4. Suchen Sie zusammen mit Ihren Freundinnen und Freunden nach

Antworten. Zum Beispiel: Weil alle Idioten auch mehr arbeiten. Weil das

Gesparte in fremde Taschen wandert. Weil viele börsenorientierte

Unternehmen staatsferne Parallelgesellschaften bilden.

<> 5. Beschließen Sie, ab sofort nicht mehr mitzumachen, falls Ihre Antworten

Sie beunruhigen.

<> 6. Fangen Sie damit an, aufzuhören. Hören Sie auf, Europapolitikern zu

glauben. Hören Sie erst recht auf, Wirtschaftsforschungsinstituten zu

glauben. Und hören Sie um Gottes willen damit auf, sich widerspruchslos

erzählen zu lassen, irgendeine Entscheidung sei alternativlos gewesen. So

etwas gibt es in Demokratien nicht.

<> 7. Wenn Sie jetzt soweit sind, dass Sie nicht mehr jeden Blödsinn

tolerieren, nutzen Sie Ihre Handlungsspielräume. Sie leben in einem der

reichsten Länder der Erde, Sie sind hervorragend ausgebildet, Sie haben

Spass am Leben und finden sich ganz gut. Warum zum Teufel machen Sie

jeden Tag dasselbe und nie etwas anderes?

<> 8. Wie Sie Ihre Spielräume nutzen sollen? Schauen Sie sich einfach an,

was andere machen. Es gibt doch unglaublich tolle Ansätze und Projekte:

Energiegenossenschaften, Nachbarschaftsgärten, fairen Konsum, lokale

Währungen, großartige Stiftungen, Unternehmen, die sich dem

Wachstumszwang verweigern. Schreiben Sie politischer, falls Sie Journalist

sind. Forschen Sie für eine andere Zukunft, falls Sie in der Wissenschaft

sind. Wechseln Sie die Pausenthemen, falls Sie am Band arbeiten. Kaufen

Sie anders ein, falls Sie ein Restaurant haben. Fragen Sie, wo der Fisch

herkommt, wenn Sie essen gehen. Interessieren Sie sich für die Zukunft

Ihrer Schüler, falls Sie Lehrerin oder Lehrer sind. Fusionieren Sie mit einem

Kindergarten, wenn Sie ein Seniorenheim leiten. Denken Sie ans

Höllenfeuer, wenn Sie einem der großen Energiekonzerne vorstehen.

Produzieren Sie „cradle to cradle“, wenn Sie eine Fabrik besitzen. Riskieren

Sie etwas, wenn Sie sich für Intellektuell halten.

<> 9. Versuchen Sie irgendwo dazuzugehören, wo Sie stolz sagen können:

Wir machen das anders!“ Zum Beispiel eine Kultur der Achtsamkeit

entwickeln, Ideen interessanter finden als Erfahrung, nicht auf Kosten

anderer Leben, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Zukunftsfähig zu sein

bedeutet das Gegenteil von „business as usual“: lernend, fehlerfreundlich,

reversibel zu handeln.

<> 10. Bilden Sie Labore der Zukunft und haben Sie Spass dabei. Vergessen

Sie das „5-vor12“- Blabla der Ökobewegung und das Gerede von der

Weltgemeinschaft“ und der Notwendigkeit globaler Lösungen. Niemand hat

an Ihrer Wiege gestanden und mit hohler Stimme gesagt: „Du bist zu

uns gekommen, um die Welt zu retten!“ Es genügt völlig, wenn Sie

beginnen, mit Ihrem Leben, Ihren Lieben und Ihrem Land verantwortungsvoll

und zukunftsfähig umzugehen. Das aber bitte gleich. Stornieren Sie Ihre

nächste blöde Flugreise (Sie wollen da sowieso nicht hin), bestellen Sie Ihr

nächstes Auto erst gar nicht (es wird Sie unglücklicher machen, weil Sie

glaubten, es mache Sie glücklicher), kaufen Sie nichts mehr, was zu billig ist

(denn dann hat irgend jemand zu wenig bekommen). Säbeln Sie in Ihre

Weihnachtsgans und teilen Sie Ihren Kindern oder Enkeln mit, dass Sie ab

jetzt Ihr Leben ändern werden. Das wird Ihnen helfen, es tatsächlich zu tun

(denn jetzt können Sie nicht mehr zurück).

Zehn Empfehlungen nach Harald Welzer:
Harald Welzer: Geboren 1958, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am
Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und lehrt Sozialpsychologie u.a. an der Universität St. Gallen. Seine
Bücher sind in 15 Sprachen übersetzt worden.