Was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben?

Der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosoph Edward Skidelsky, fragen sich in ihrem aktuellen Buch „Wie viel ist genug?“

Wachstumsrausch und Unersättlichkeit

Was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben?

Robert (l.) und Edward Skidelsky ]
Was ist ein „gutes Leben“ Leben? Und warum und wofür wollen wir immer mehr Geld verdienen? Denn eigentlich haben wir doch längst alles und leben im materiellen Überfluss.

Der Ökonom Robert Skidelsky und sein Sohn, der Philosoph Edward Skidelsky, stellen in ihrem aktuellen Buch „Wie viel ist genug?“ Fragen nach dem Sinn. In unserer Wachstumsgesellschaft drehe sich alles nur noch um einen banalen Glaubenssatz: Verdiene so viel Geld, wie du kannst. Doch die inhaltsleere Anhäufung von Kapital sei Selbstzweck und somit sinnlos, so die Skidelskys. Wozu also verdienen wir Geld? Antworten finden die beiden Autoren bei den Philosophen und Ökonomen vergangener Tage. Von der Antike bis zur Neuzeit gab es Denker, die die reine Gier des Menschen zu zügeln versuchten und gleichzeitig nach dem tieferen Sinn von Arbeit und Geldanhäufung fragten. Herausgekommen ist ein Buch darüber, was ein „gutes“ Leben sein könnte.

„ttt“ hat Edward und Robert Skidelsky in London getroffen und fragt nach,  was wir für ein „gutes Leben“ tatsächlich brauchen …

Autor: Philipp Engel

Text des Beitrags:

Arbeiten,  immer mehr arbeiten. Weil wir wollen oder müssen. Geld verdienen. Und noch mehr Geld verdienen. Wachstum schaffen. Immer mehr Wachstum.  Und in unserer Freizeit: Kaufen. Konsumieren. Möglichst viel.

Stopp, es ist genug – sagen zwei britische Gentlemen. Robert Skidelsky,  Wirtschaftshistoriker und parteiloses Mitglied im Oberhaus, und sein Sohn, der Sozialphilosoph Edward Skidelsky. Beide sind sozialistischer Umtriebe eher unverdächtig. Jetzt aber knüpfen sie sich die Wachstums-Logik des Kapitalismus gründlich vor. Dabei zielt ihre Kritik weniger auf die ökologischen Folgen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtung steht der Mensch, der unter die Räder kommt.

Robert Skidelsky,  Wirtschaftshistoriker: „Sie werden krank, sie kriegen Depressionen, ihre familiären Strukturen brechen zusammen, die Freundschaften brechen zusammen, die Menschen haben Angst und dann betäuben sie sich mit mehr und mehr Krimskrams. Aber ich glaube nicht dass das eine wirkliche Befriedigung erzeugt.“

Edward Skidelsky, Sozialphilosoph: „Uns geht es darum, darauf hinzuweisen, dass wir in der westlichen Welt einen ausreichenden Wohlstand haben. Nicht jeder einzelne, aber gesamtgesellschaftlich. Genug um ein „gutes Leben“ zu führen. Aber wir haben vergessen, wozu Geld da sein sollte. Vor allem dafür, uns so was wie ‚Muße‘ zu ermöglichen.“

Deshalb fordern die beiden ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Produktivkraft unserer Wirtschaft würde das längst hergeben, glauben sie. Wenn wir den Reichtum gerechter verteilen würden, könnten alle viel weniger arbeiten. Stattdessen aber schuften auch die Reicheren wie die Wahnsinnigen. Warum? Weil wir uns permanent miteinander vergleichen und jeder mehr haben will als der andere. Nur: Einen Lebenssinn ergibt das alles nicht.

Edward Skidelsky: „Was an unserer heutigen Gesellschaft historisch einzigartig ist: Wir fördern die Gier. Frühere Zivilisationen kannten auch Gier, aber bezeichneten sie als Sünde, versuchten ihr Grenzen zu setzen. Wir heute aber halten Gier für was natürliches, ja gesundes. Das ist der Unterschied.“

Wie viel ist genug? fragen die  Skidelskys deshalb. Was brauchen wir für ein gutes Leben? Und was glauben wir nur zu brauchen? Die Skidelskys nehmen uns mit. Auf eine spannende Suche: Was haben andere Ökonomen und Philosophen zu diesem Thema geschrieben? Und siehe da: Von Aristoteles über Buddha, von Marx bis Keynes – zu allen Zeiten, in allen Kulturen wurden dieselben Basisgüter für wertvoll erkannt. Freundschaft,  soziale Sicherheit gehören ebenso dazu wie die Begegnung mit der Natur.

Und – die Muße! Die hatte zu allen Zeiten einen hohen Stellenwert. Und mit Muße ist nicht das Konsumieren von Freizeitangeboten gemeint. Und auch keine Sportprogramme, die nur den einen Zweck haben, uns fit zu halten für die Zumutungen des Arbeitsmarktes.

Edward Skidselsky: „Wir meinen mit Muße spontane Aktivität. Sachen, die du nicht machen musst, um Geld zu verdienen. Sondern die du machen willst. Weil sie dich erfüllen. Muße könnte also bedeuten, ein Buch zu schreiben oder ein Instrument zu lernen oder zu malen. Man kann also mit Muße  sogar Geld verdienen. Aber die Hauptmotivation sollte sein, dass es dir Freude bereitet.“

Muße? Verzicht auf Konsum und Wirtschaftswachstum? Ist das nicht alles ziemlich bildungsbürgerlich, elitär gedacht – solange nicht wirklich alle das Lebensnotwendige haben? Wir haben gelernt, dass es nie genug ist: Halten wir es da überhaupt aus – mehr Muße statt Konsum? Müsste sich da nicht zunächst Grundlegendes ändern – unsere Werte?

Robert Skidelsky: „Da ist die Erziehung ein ganz entscheidender Punkt. Im Moment erziehen wir Menschen vor allem für den Arbeitsmarkt. Einen Arbeitsmarkt der – nebenbei bemerkt – immer kleiner wird. Weshalb wir sagen: Okay, dann müssen wir mit der Ausbildung unserer Kinder eben noch früher beginnen. Am besten von der Wiege direkt ab in die Schule. Damit der Nachwuchs im globalen Wettbewerb mithalten kann.  Das ist totaler Unsinn! Erziehung müsste vielmehr vermitteln, was wir mit uns und unserer freien Zeit anfangen können.“

Aber: ein  „gutes Leben führen“  – nicht so einfach. Selbst diesen beiden privilegierten  Gentleman gelingt das nur mehr oder weniger gut.

Edward Skidelsky: „Ich bin Dozent an der Uni und verdiene da vergleichsweise wenig Geld.  Aber ich habe viel freie Zeit und ich kann über meine Zeit selbst bestimmen. Da ist niemand, der mir sagt, du musst von 9 bis 18 Uhr arbeiten. Und das ist mir sehr wichtig.“
Frage:Und Ihr Vater? Hat er ein „gutes Leben“?
Edward Skidelsky: Fragen Sie ihn besser selbst…
Robert Skidelsky: „Zu stressig in mancher Hinsicht. Ich mache noch zu viel Zeug, auf das ich eigentlich keine Lust habe. Wahrscheinlich  aus Pflichtgefühl.  Ich glaube, Pflichtgefühl ist ein entscheidendes Motiv für viele Menschen. Vielleicht haben wir diesem Punkt im Buch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“

Ein äußerst anregendes Buch, indem noch einige Fragen offen bleiben – Wie viel ist genug? Die Diskussion ist eröffnet.

Info-Box: Edward und Robert Skidelsky „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahnsinn zu einer Ökonomie des guten Lebens“
208 Seiten, € 19,95
ISBN 978-3888978227
Verlag Antje Kunstmann, März 2013

Quelle: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/hr/sendung_vom_24032013-102.html

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